2. Oktober 2017

WARUM? - Auslaufmodell Serienmörder



Jeden ersten Montag im Monat befasse ich mich mit einer Frage, die mich im Bücherversum umtreibt. Sei es zu Figuren, Handlungen, Gestaltungen oder Trends in der Literaturwelt, sobald mir eine Frage durch den Kopf geht, befasse ich mich damit.

Vorsicht: Diese Rubrik gibt einzig meine persönliche Meinung wieder. Aber es darf gern darüber diskutiert werden.

Wenn man durch die Bücherläden wandelt und sich in der Thrillerabteilung fest liest, begegnet einem auf den Klappentexten häufig eine ganz besondere Art von Tätern: Serienkiller! Egal, ob das Buch in den USA oder in Deutschland spielt, nur zu gern wird auf den Serienmörder zurückgegriffen. Mir entlocken solche Täter immer öfter nur noch ein müdes Lächeln.

Denn WARUM muss der Täter immer ein von Mama nicht geliebter oder religiöser Spinner sein?

Zu Beginn bemühe ich die Realität hier in Deutschland. Wie häufig kommen Serienmorde von Flensburg bis nach Konstanz vor? Was meint ihr?

Stephan Harbort, vielen bekannt aus "Medicial Detectives", hat sich mit dem Phänomen Serienmord gründlich auseinander gesetzt. Laut seinen Recherchen gab es in den Jahren 1945 bis 1995 in Deutschland 453 Tötungsdelikte, die einem Serientäter zugeordnet werden konnten. Zum Vergleich: Allein 2000 wurden in Deutschland laut Polizeistatistik 497 Morde verübt. Das Verhältnis von Tötungen, die von Serientätern begangen wurden und den "normalen" Tötungsdelikten ist sehr gering. Dennoch begegnen mir in vielen deutschsprachigen Thrillern genau diese Täter.

Aber selbst wenn wir die Realität außer Acht lassen und annehmen, dass sich mehrere Tötungen allein für den Spannungsaufbau besser eignen als ein einzelner Mord, werden diese Mörder immer mehr zu einer Farce degradiert.

Die meisten Täter in den von mir gelesenen Thrillern hatten eine schlimme Kindheit, eine Mutter, die sie misshandelte oder nicht liebte und einen nicht existenten Vater. Aus diesem Grund quälen und ermorden sie Frauen, die ihrer Mama ähnlich sehen oder ein ähnliches Verhalten an den Tag legen.

Das war mal Ende der 90er spannend. Heute wird der Markt mit solchen gebrochenen Seelen nur so überschwemmt. Für mich persönlich ist diese Art der Tätervergangenheit mittlerweile eine Schablone, die Autoren anwenden, die sich zwar explizit mit ihren Opfern und den Foltermethoden, nicht aber mit ihrem Täter auseinandersetzen wollen oder können.

Und sollte es mal nicht die Mutter sein, ist es die religiöse Überzeugung, die den Täter zu seinen Morden zwingt. Auch da gibt es dokumentierte Fälle wie zum Beispiel den Son of Sam David Berkowitz, der den Einflüsterungen des Nachbarhundes, der von einem Dämon besessen war, erlegen ist. Jedoch treten die Morde in dem Glauben, man sei Gottes Werkzeug, eher selten im wahren Leben auf. Ausgenommen hierbei sind terroristische Anschläge, bei denen sich die Täter gern auf Gottes Wort berufen um ihre feigen Taten zu rechtfertigen.

Sowohl die Religion als auch die nicht liebende Mutter sind für mich persönlich Zeichen dafür, dass der Autor auf schnellstem Wege einen brauchbaren Grund benötigte, warum sein Täter mordet und quält. Mich langweilen diese Beweggründe zunehmend. Sie sind austauschbar, vorhersehbar und ausgelutscht.

Dass es anders geht, beweisen zum Beispiel Chris Carter in seinem aktuellsten Buch Death Call oder Timo Leibig in Grenzgänger. Beide Autoren zeigen sehr gut, dass man Spannung erzeugen kann, ohne dabei auf Schablonen und Abziehbilder grausamer Killer zurückgreifen zu müssen,

Serienmorde bieten mehr Spannung, aber nur dann, wenn der Autor der Vergangenheit seines Täters so viel Beachtung schenkt wie seinen Opfern und Morden.

Kommentare:

  1. Wunderbar deine Kritik in Worte gefasst, dem einfach nicht mehr hinzuzufügen ist!

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  2. Wobei ich auch bei Chris Carter finde, dass sich die Geschichten oft wiederholen. Und bei ihm besteht eher das Klischee des unnahbaren Polizisten. Grundsätzlich gibt es nicht viel neues zu lesen in der gesamten Bücherwelt. Ich denke damit kommen wir direkt zu einem Thema, das wir hier schon einmal hatten: der Leser lässt es mit sich machen

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    1. Hi Maraike,

      bei Chris Carter ist das Zusammenspiel von Garcia und Hunter etwas, was ich mit Sorge betrachte.

      Oh ja, der Leser lässt viel mit sich machen. Und da stellt sich mir die Frage: Sind wir zu kritisch oder ist der Durchschnittsleser einfach sehr genügsam?

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  3. Meine Theorie geht dahin, dass Serienmörder einfach helfen, die Seiten zu füllen und eine Handlung zu konstruieren.

    Ermittlungen zu einem Fall zu schreiben, stelle ich mir schwieriger vor als sich von Mord zu Mord zu hangeln und den Ermittler immer neue Erkenntnisse gewinnen zu lassen.

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    1. Hi Nomadenseele,

      das ist ein spannender Gedankengang und nicht von der Hand zu weisen. Neue Morde bringen neue Erkenntnisse und man muss sich nicht so viel mit der Polizeiarbeit auseinandersetzen. Da könntest du Recht haben.

      LG
      Denise

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  4. Huhu!

    Haha, ja, da habe ich mich vor einer Weile auch mal mit beschäftigt! Es sind ja eigentlich nicht nur die Serienkiller – überhaupt hat die Kripo in Krimis/Thrillern immer viel zu viel zu tun, denn da könnte man ja meinen, dass jede Kripo in jeder Stadt mindestens jede Woche einen neuen Mordfall hat.

    Die 497 Morde im Jahr 2000 klingen erstmal viel, aber das sind durchschnittlich 6 Morde die Woche, und wenn man das mal auf ganz Deutschland verteilt... (Allerdings hat mich die Statistik 1995 kalt erwischt, als eine Freundin von mir ermordet wurde. Die Wahrscheinlichkeit dafür war sicher auch nicht viel höher, als im Lotto zu gewinnen. Und nein, es war kein Serienkiller.)

    Einer meiner "liebsten" Serienkiller war immer Hannibal Lecter, und es hat mich SO geärgert, dass der Autor meinte, ihn in "Hannibal Rising" erklären zu müssen, und dann noch mit so einem platten... Ach, Moment, ich weiß ja nicht, ob du das Buch gelesen hast. Jedenfalls war es in meinen Augen die platteste mögliche Erklärung für einen serienmordenden Kannibalen, Westentaschenpsychologie vom Feinsten.

    Ich habe gerade "Das Porzellanmädchen" von Max Bentow gelesen, und da geht es zwar nicht um einen Serienkiller, aber auch da wird das Motiv des Täters in meinen Augen mit so etwas erklärt.

    Das erinnert mich daran, dass ich schon lange einen Artikel über das Gegenstück des Serienkillers schreiben wollte, den alkoholkranken Ermittler mit Eheproblemen, der in der Vergangenheit einen gravierenden Fehler begangen hat und sich daher, um das wieder gutzumachen, obsessiv in seine Fälle stürzt. Oder seinen besten Kumpel, den taffen Cop, der sich an keine einzige Regel hält, seinen Vorgesetzten ständig ans Bein pisst und trotzdem immer der große Held ist, weil niemand außer er den Fall lösen kann.

    Ich habe deinen Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt!

    LG,
    Mikka

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    1. ...warum habe ich 6 Morde die Woche geschrieben? Es sind natürlich aufgerundet 10 Morde die Woche. Immer noch nicht genug, um jede Kripo jede Woche mit einem frischen Fall zu versorgen!

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    2. Hi Mikka,

      den Ermittler mit Problemen hatte ich auch schon am Wickel ^^

      Hannibal Rising will ich noch lesen, danke, dass du nicht gespoilert hast. Aber genau das ist es, was mich so stört: Diese Küchentischpsychologie mit schwerer Kindheit. PUNKT! Nichts anderes kann sowas auslösen. So oft kann ich gar nicht mehr mit den Augen rollen.

      LG
      Denise

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