7. Oktober 2017

Jeder an seinem Platz








Titel: Die Optimierer
Autor: Theresa Hannig
Seiten: 303
Verlag: Bastei Lübbe
ISBN: 978-3404208876










Europa im Jahr 2052. Die Bundesrepublik Europa, kurz BEU, ist das Paradies auf Erden. Jeder Bürger hat eine Aufgabe, jeder fühlt sich wohl und ist voll vernetzt. Samson Freitag ist einer der Beamten, die dieses erfüllende Leben möglich machen, denn er ist Lebensberater und verhilft Menschen zu der Aufgabe, für die sie bestimmt sind. Doch dann gerät Samsons Welt aus dem Tritt und er muss erkennen, dass das System nicht nur positives bereithält...

"Die Optimierer" ist das Debüt von Theresa Hannig und hat mich begeistert. Die Autorin erschafft eine vermeintlich positive Zukunftsvision, in die man sich hineinwünscht bis man erkennen muss, dass die Tücken hinter der Fassade lauern. Grandios!

Die Geschichte wird von einem auktorialen Erzähler berichtet. Dabei folgt man dem Lebensberater Samson Freitag und lernt so den Alltag in München kennen, genießt die Errungenschaften der Technik und sammelt Sozialpunkte. Diese Punkte sind wichtig für die Beförderung von Samson, für sein soziales Leben und seine Stellung in der Gesellschaft. Ohne diese Punkte ist  man ein Aussätziger mit beschränkten Rechten und starker Überwachung. Wer will das schon?

Freitag gehört zu den sehr gewissenhaften Bürgern: Überkorrekt, systemtreu und immer darauf bedacht, Gutes zu tun. Für mich war er trotz dieser Hörigkeit ein großer Sympathieträger. Und mein Mitgefühl wuchs, als Samson erkennen musste, dass seine perfekte Welt nur für den perfekt ist, der sich anpasst. Als seine Freundin ihn verließ, war das ein herber Schlag, aber noch verkraftbar. Als ihm dann auch noch unterstellt wird, er hätte einen Fehler in der Lebensberatung gemacht, bricht die heile Welt Stück für Stück auseinander.

Theresa Hannig hat mit ihrem Lebensberater eine Figur erschaffen, die man belächelt, in den Arm nehmen und teilweise schütteln möchte. Ich habe zu Beginn so manches Mal gedacht, was für eine hübsche Marionette Freitag abgibt. Doch mit jedem Schicksalsschlag zeigte Samson mehr Menschlichkeit, mehr Verletzbarkeit. Das fand ich toll. Erschreckend fand ich hingegen, wie grausam so eine perfekt durchdachte Welt werden kann. Da fröstelte es mich so manches Mal.

Die Story war von Beginn an fesselnd und hat mich begeistert. Dies lag vor allem an dem sich langsam offenbarenden Schrecken der Zukunft und Technik. Ich stand gemeinsam mit Samson ratlos da, konnte die Abhängigkeit von der Technik kaum glauben und erkannte doch so oft, wie wenig entfernt wir davon sind.

Der Schluss hat mich dann aus den Socken gehauen. Obwohl ich eine kleine Ahnung hatte, wie es ausgehen könnte, hat mich das Gesamtbild doch überrascht, nachdenklich gestimmt und begeistert. So wünsche ich mir Romane!

Der Stil von Theresa Hannig ist sehr gut und flüssig zu lesen. Ihre Erzählweise ist detailreich, ohne sich zu verrennen und mitreißend, ohne den Leser zu hetzen. Toll!

Fazit: Jeder an seinem Platz, egal, wie sehr er sich dagegen sträuben möchte. Eine klare Lesempfehlung.


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