29. Juni 2017

Was trauen sich noch Verlage? - Session mit Martin Krist



Litcamp17, zweiter Tag: Während ich beschlossen hatte, mich an den Diskussionen mehr zu beteiligen, ging Martin Krist in die Vollen. Mit über 20 Jahren Erfahrung als Autor und Journalist, der bei mehreren Verlagen unter Vertrag war und nun den Weg ins verlagsfreie Veröffentlichen gehen wird, wollte er eines von den Anwesenden wissen: Was trauen sich noch Verlage?

Schon bei der Vorstellung seiner Session spürte ich die Begeisterung im Raum. Viele Leser, gerade diejenigen, die mehrere Bücher im Monat verschlingen, beklagen den Einheitsbrei in den Regalen. Martin hatte also einen wunden Punkt getroffen. Da war es auch nicht verwunderlich, dass die Session über den Livestream auch online verfolgt werden konnte.

Bevor der Autor zur Kernfrage kam, zeigte er auf, wie er mit seinen Thrillern um den Kommissar Kalkbrenner und Privatermittler David Gross bei verschiedenen Verlagen zwar veröffentlicht, aber nicht gehalten wurde. Und das, obwohl die Meinungen zu seinen Romanen sehr positiv sind und seine Leser gerade das komplexe und vielschichtige seiner Werke mögen. Die Verlage jedoch sahen genau darin das Problem: Der gemeine Leser würde es nicht verstehen. Teilweise wurde seitens der Verlage versucht, auf die Geschichten einzuwirken. Zu viel für den gestandenen Autor!

Seine Aussage war klar: die Verlage trauen sich zu wenig, sie pushen die großen Namen und lassen ihre Midlist-Autoren, die gern mal was ausprobieren, die neue Ideen haben und was wagen, fallen. Es fehlt an Werbebudget, Autorenbindung und sogar Interesse. Der Buchhandel will neue Trends, ohne sie selbst entdecken zu müssen. Das Risiko wird gescheut.


Stimmen aus dem Publikum bestätigten die Ansichten. Es gab aber auch Kritik. Man müsse sich auch dem Markt anpassen, die romantische Vorstellung vom Verlag als Hort für den Autor gehöre doch der Vergangenheit an. Die Entgegung war, wie so oft im Leben: Es kommt darauf an. Martin Krist bemerkte selbstkritisch, dass er noch in der Vorstellung festhängt, dass ein Verlag seine Autoren fördert, sie stützt und hält. Aber er wisse auch, dass Geld verdient werden muss. Die Anpassung an den ominösen Markt wies er jedoch von sich.

Genau das taten auch Zuhörer. Der Markt ist keine ominöse Macht, sondern wird von Autoren, Lesern, Verlagen und dem Buchhandel gestaltet. Gekauft wird, was sichtbar ist. So ist es bei Lebensmitteln und so ist es auch bei Büchern. Wer beständig in jeder Buchhandlung über ein und dasselbe Buch "fällt", der wird irgendwann zugreifen.


Auch angehende Autorinnen, die für ihren Erstling einen Verlag suchen, berichteten von fehlendem Mut. So erzählte Nika Sachs alias Bordsteinprosa, dass ihr Manuskript mit dem Hinweis "Das ist zu clever für die Leser" abgeschmettert wurde. Haben die Verlage uns Leser also dumm genannt?

Doch was ist die Lösung? Viele Autoren, egal ob Erstlinge oder alte Hasen, werden zu Selfpublishern. Sie kehren den großen Verlagen den Rücken, übernehmen Marketing, suchen sich Lektoren und Grafiker und machen ihre Ideen erleb- und lesbar. Die Leser lieben es. Und die Verlage schnüren sich mit ihrem fehlenden Mut selbst die Luft ab.


Ich fand die Session großartig. So viel Herzblut, Liebe, aber auch Wut habe ich selten so geballt und dennoch konstruktiv erlebt. Ich hoffe nur, dass die Marktmacher bald erkennen, dass sie ihre Macht auch dafür nutzen können, Neues zu erschaffen und nicht nur alten Trends nachzuhecheln.


Du willst die Session gern sehen? Hier geht es zum Video:

Kommentare:

  1. Also ich muss sagen: je öfter ich ein Buch im Buchladen rumliegen sehe, desto uninteressanter wird es für mich. Gerade die ach so groß beworbenen Bücher sind oft ziemlich schrottig. Ein Logikfehler jagd den nächsten, oft ist in den Geschichten nichts neues zu finden. Teilweise sind ja sogar die Cover der Bücher total ähnlich. Und ohne Lovestory geht ja eh nix. Obendrein dann zahlt man am Ende 20Euro für 150 Seiten. Ein Einheitsbrei, der mich komplett langweilt. Aber wenn man sich ausserhalb der Literatur mal umsieht ist es ja ähnlich. Es stehen auch mehr Leute auf Helene Fischer als auf Metallica. Offfenbar wollen viele Menschen diesen Einheitsbrei. Ich würde gerne mehr unbekannte Bücher lesen, so wie ich auch lieber (bzw nur) Metal höre und auch lieber trashige Filme schaue. Die Frage für mich ist nur: wie komme ich an die Werke der freien Autoren ran, wenn ich nicht gerade als Buchblog von Martin Krist angeschrieben werde?! ;) Ich könnte mir durchaus vorstellen mich von der Mainstreamschiene sehr weit zu entfernen und nur noch unbekanntere Bücher zu lesen oder zumindest zu rezensieren.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Huhu,

      Was hindert dich, dem Mainstream zu entsagen? ;) ich selbst steuere kaum noch Buchläden an, da sie eben nur altbekanntes bringen. Das Internet ist da mein Freund ^^ Buchhandlungen sind, in meinen Augen, nicht für Vielleser gemacht. Sondern eher für den Gelegenheitskonsumenten.
      Lg
      Denise

      Löschen
    2. Ich kann diesesn Hype um Buchläden deshalb auch nicht verstehen. Da kann man eben 5 Bestseller kaufen und n bisschen Kinderspielzeug. Die geben sich eigentlich kaum Mühe sich von Amazon zu unterscheiden. Aber ich nehme deine Frage jetzt als Herausforderung: ich versuche kaum noch Mainstream zu rezensieren und am besten auch zu lesen! Mal sehen was dabei rauskommt.

      Löschen
    3. Uii, das wird spannend. Ich bin ja auch immer auf der Suche. Bin gespannt, was du findest :)

      Löschen
    4. Hallo liebe Maraike,
      ich finde es toll, dass du dich Büchern abseits des Mainstreams zuwenden willst! Das ist ganz klasse nd das würde ich gerne unterstützen. Auf meinem Blog stelle ich regelmäßig Indie-Autoren und viele SP-Bücher vor, schau doch mal vorbei. Ich selbst schreibe auch ganz bewusst off mainstream, allerdings immer mit einer Lovestory drin. Falls du dich dennoch dran wagen magst - auf meinem Blog kannst du dich für meinen Ewsletter rund um Wikinger, Histotainment und Nordische Mythologie anmelden. Als Dankeschön gibt es das E-Book/PDF "Wellenmädchen" frei Haus.
      Wenn die Kragenweite meiner Schreie zum Blogger passt, lasse ich auch über Rezesionsexemplare (allerdings nur E-Book) mit mir reden.
      http://kathariamunz.wordpress.com/

      Löschen
  2. mir ist noch was eingefallen: im letzten Jahr waren wir auf der Buchmesse in Leipzig und zumindest ich fand das irgendwie nicht so berauschend. Es war ne fucking Messe wo ich genau die gleichen Bücher kaufen konnte wie im Buchladen. Keine Ahnung was ich da sollte. Die Manga Comic Con war das einzig wirklich interessante, da liefen ja auch die wenigsten mit Anzug rum. Der Bücher-Einheitsbrei hat dort wohl seinen Jahreshöhepunkt.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Dann fahr nie nach Frankfurt. Da ist es noch schlimmer...

      Löschen
  3. Ich bin über Facebook auf diesen Bericht gestoßen. Ich bin Selfpublisher.
    Verlage haben zwei sehr große Vorteile: das Marketingbudget und die Akzeptanz des Buchhandels. Ich habe über 400 Buchhändler angeschrieben und mein Buch auf Kommissionsbasis angeboten. Also ganz ohne Risiko und mit atemraubenden Rezensionen im Rücken. Das unternehmerische Risiko der Buchhändler ist mir bewusst. Sie kaufen von den Verlagen im vollen (eignen) Risiko, und müssen dann mitunter auf den vorfinanzierten Lagerbeständen sitzen bleiben. Und dennoch müssen Sie auch immer ein aktuelles Sortiment bereitstellen. Auch eine Rabattaktion ist aufgrund der Preisbindung für Sie nicht möglich; so wie es überall im sonstigen Einzelhandel ist. Also müssen Sie sehr genau abwägen was Sie lesen und kaufen möchten. In meiner Kommissionsaktion habe ich sogar das Rückporto für nicht verkaufte Bücher angeboten. Der Erfolg war mäßig: Weniger als 3% legen die Grüne Fee nun risikolos aus. Von daher, so finde ich, muss der ohnehin kränkelnde Buchhandel dringend über den Tellerrand schauen und die Perlen im Selbstverlag finden. Die Bloggerszene ist da sehr viel weniger voreingenommen und leistet so ganz leise einen großen Beitrag für eine teilweise sehr hartleibige Branche. Danke.

    AntwortenLöschen