28. Mai 2017

Ein Horror-B-Movie in Buchform


Die Brut - Sie sind da
(The Hatching Band 1)
von Ezekiel Boone
(398 Seiten)



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In einem Dschungel in Peru kommt eine Wandergruppe zu Tode. In den USA stürzt einfach ein Flugzeug vom Himmel. Und in China explodiert eine Atombombe. Zufall? Oder haben die kleinen haarigen Biester, die an jedem Ort auftauchen, etwas damit zu tun?

"Die Brut - Sie sind da" war mein erster Thriller von Ezekiel Boone und ich bin ehrlichweise nicht mit der Thematik warm geworden. Der Autor greift das Thema Spinnen und den damit verbundenen Ekel auf und erzählt eine Geschichte, die locker auch ein Horror-B-Movie hätte werden können.

Die Story wird von einem auktorialen Erzähler berichtet. Dabei erfährt man über verschiedene Begebenheiten und Schauplätze, dass etwas Furchteinflößendes die Welt erobert. So war ich dabei, als die Wandergruppe im Dschungel spurlos verschwand, saß bei der amerikanischen Präsidentin im Oval Office, als die Atombombe hochging und machte mich mit den Ermittlern auf die Suche nach Erklärungen. Diese Erzählweise fand ich sehr überzeugend, zumal Ezekiel Boone auch ein hohes Tempo an den Tag legt.

Jedoch schafft er es nicht, mein Interesse zu wecken. Ja, da kommen Spinnen und der Ekelfaktor wird durch die detaillierten Beschreibungen hochgehalten. Ja, das Tempo ist rasant und der Schreibstil super zu lesen und auch fesselnd. Aber dennoch fragte ich mich die gesamte Zeit: was soll da noch kommen? Der Überraschungseffekt ist gleich auf den ersten 10 Seiten verpufft und die Aktionen und Reaktionen der Figuren erinnern sehr stark an typische Horrorfilme zweiter Klasse, die zwar heute trashiger Kult, aber einfach schrecklich sind. 

Und so las ich zwar vor mich hin, verlor aber das Interesse. "Die Brut" ist wie Popcorn-Kino: actiongeladene Unterhaltung, bei der man nicht viel Denken muss und auch besser nicht Nachdenken sollte. Für mich zu flach.

24. Mai 2017

Ein Fluss, sie zu binden

Into the Water
von Paula Hawkins
(480 Seiten)


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Julia Abbott muss in ihr Heimatdorf zurückkehren. Ihre Schwester Nel wurde tot aus dem Fluss gezogen. Julia, die nur Jules gerufen werden will, hasst das Dorf und die Bewohner. Und doch kümmert sie sich um ihre Nichte Lena, die ein Geheimnis hütet. Und Lena ist da nicht die Einzige...

"Into the Water" ist der zweite Roman von Paula Hawkins und hat mich noch mehr begeistert als ihr Debüt. Die Autorin spielt mit verschiedenen Blickwinkeln und Andeutungen, so dass ich beim Lesen nie sicher sein konnte, die Wahrheit zu kennen.

Die Geschichte wird kapitelweise von einer Person erzählt, die mit dem Geschehen in Beckford zu tun hat. So lernt man nicht nur Jules und Lena kennen, sondern auch die Polizisten Sean und Erin, sowie Seans Frau Helen oder die "Dorfhexe" Nickie. Was zu Beginn verwirrend wirkt, entpuppt sich mit jeder weiteren Seite als genialer Geschichtenaufbau von Paula Hawkins. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt Schwierigkeiten, die Personen korrekt zu zuordnen. 

Die Figuren werden nicht durch die Autorin charakterisiert, sondern erzählen allein durch ihr Verhalten, ihre Gedankengänge und ihre Handlungen, wie es tief in ihnen aussieht und wie sie zu Beckford und den dortigen Geschehnissen stehen. Vertrauen kann man keiner einzigen, das wird schnell klar. Ich hatte beim Lesen immer wieder Sympathie für die Figuren entwickelt, dass sie dann in einem anderen Kapitel wieder zum Einsturz gebracht haben. Großartig!

Die Story selbst ist von Beginn an spannend und fesselnd. Ich wusste nicht, was mich erwartet und hatte zu Beginn sogar Bedenken, ob Paula Hawkins nicht zu sehr in das Mystische um den Fluss abdriftet. Diese Bedenken waren zum Glück unbegründet. Die Autorin hält perfekt den Spagat zwischen Gerüchten, Wahrheit und Wahrnehmungen. So flog ich geradezu durch den Roman.

Der Schluss passt sehr gut zum gesamten Werk und wird logisch herbeigeführt. Ich habe bis zum Ende mitgerätselt, wie die Toten in Beckford zusammenhängen und ob es da mehr gibt, als es den Anschein hatte. Die Lösung hat mich zufriedengestellt und auch überrascht. So muss das sein!

Der Stil von Paula Hawkins ist sehr gut und flüssig zu lesen. Ihre Erzählweise ist perfekt auf die einzelnen Figuren zugeschnitten. So ist man mal traumtänzerisch, mal knallhart ermittelnd und mal einfach nur in tiefer Trauer versunken. Toll!

Fazit: der Fluss nimmt sich, was ihm gebührt. Eine klare Leseempfehlung.

20. Mai 2017

Auf den Scheiterhaufen!

Moorfeuer
(Kommissar-Waechter-Reihe Band 2)
von Nicole Neubauer
(416 Seiten)


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In Freising findet die Polizei eine verkohlte Leiche auf einem verlassenen Feld. Die Umstände sprechen für eine okkulte Verbrennung. Davon will Einsatzleiter Lanz nichts wissen. Die hinzugezogenen Münchner Kollegen Waechter und Brandl sehen das jedoch anders. Schnell wird klar: der Fall ist noch viel mysteriöser, als er zu Beginn schien...

"Moorfeuer" ist der zweite Fall für Kommissar Waechter und sein Team, konnte mich aber leider nicht so begeistern wie der Vorgänger. Nicole Neubauer verliert sich in meinen Augen zu sehr in den privaten Problemen der Ermittler und lässt dabei den Fall außer Augen.

Die Geschichte wird von einem auktorialen Erzähler berichtet, der seine Sprache an die aktuell beobachtete Person anpasst. So ist man bedächtig mit Waechter unterwegs, rotzfrech mit Hannes Brandl in den Ermittlungen und schnodderig, wenn man mit Elli, der einzigen Frau im Team, auf Täterjagd geht. Diese besondere Mischung hat es mir wieder mal angetan und ich finde es klasse, dass die Autorin die Ausdrucksweise an die jeweiligen Blickwinkel anpasst.

Zu Beginn hatte ich ein paar Probleme, mich wieder im Figurenensemble zurecht zu finden. Meine Lektüre von "Kellerkind" war einfach zu lang her. Doch je mehr ich las, desto besser konnte ich mich erinnern und fand wieder in das Team um Waechter hinein. Die privaten Probleme, die auch schon im ersten Teil eine größere Rolle spielten, scheinen nun Waechter und auch Hannes fast aufzufressen. Nicole Neubauer gewährt tiefe Einblicke in die Psyche der beiden. Solche Einblicke mag ich normalerweise, hier jedoch sprengten sie den Rahmen. Denn der Fall geriet dadurch so sehr in den Hintergrund, dass mich zwischendurch sogar die Lust verließ herauszufinden, wer hinter dem Mord steckt.

Dem Fall hätte es besser getan, wenn er mehr Aufmerksamkeit bekommen hätte. Denn die Zusammenhänge sind groß und viel gewaltiger, als es bei der Lektüre den Anschein machte. Zwar war mir der Täter schon nach knapp der Hälfte klar, jedoch gab es immer wieder Punkte, die mich zum Weiterlesen verleitet haben. Ein wenig Straffung in den privaten Details hätte dem Roman den nötigen Schwung gegeben, mich komplett bei der Stange zu halten.

Der Stil von Nicole Neubauer ist gut und flüssig zu lesen. Ihre Erzählweise ist detailverliebt, nachdenklich und erfrischend untypisch für einen Krimi.

Fazit: im Moor brennt die Hex, doch meine Begeisterung konnte der Kriminalfall nicht vollständig entfachen. Dennoch kann ich ihn eingeschränkt empfehlen.

14. Mai 2017

In der Wüste lauert die Gefahr

Das Haus in der Kakteenwüste
von Paul Pen
(386 Seiten)


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In der mexikanischen Wüste, in den 60er Jahren: Elmer und Rose leben mit ihren 4 Töchtern ein einsames, aber glückliches Leben fernab jeglicher Zivilisation. Während die Mädchen Hausunterricht erhalten, verdient Elmer sein Geld an einer Tankstelle. Eines Tages stößt ein junger Mann auf die Familie und mit ihm wird klar: es gibt dunkle Geheimnisse...

"Das Haus in der Kakteenwüste" war mein erster Thriller von Paul Pen und hat mich nicht überzeugen können. Ich hatte mir das Buch aufgrund der vielen begeisterten Stimmen besorgt und habe während des Lesens gemerkt, dass der Autor und ich keine Freunde werden.

Die Geschichte wird von einem auktorialen Erzähler berichtet. Dabei werden verschiedene Einblicke gewährt. So lernt man die Familie nicht nur aus Sicht der Mutter Rose kennen, sondern auch durch ihre älteren Töchter Iris und Melissa. Später kommt auch der Wanderer Rick hinzu, der mir von Beginn an suspekt war. Diese Mischung bietet sehr viel Potenzial, gerade auch, da alle Töchter Spleens entwickelt haben. So spricht Melissa mit Steinen und Kakteen, während sich Iris ganz ihren Büchern und den darin enthaltenen Romanzen hingibt.

Und das war auch einer der Punkte, der mich beim Lesen immer mehr gestört hat. Paul Pen überzeichnet die Eigenarten der Kinder so stark, dass ich irgendwann am liebsten jede Tochter einmal geschüttelt und gefragt hätte, ob sie selbst merkt, was für einen Unsinn sie da anstellt. Ich weiß, dass Übertreibung anschaulich macht, das war hier aber zu viel des Guten.

Zudem ist bei der Story nach gut der Hälfte die Luft raus. Das große Geheimnis ist gelüftet und es geht nur noch darum, wer wann wie am schnellsten drauf kommt. Für mich als Leser war dies nicht mehr spannend genug, da Paul Pen es leider nicht verstand, weiterhin Spannung aufzubauen. So legte ich das Buch 100 Seiten vor Schluss weg. Es interessierte mich nicht mehr.

Der Stil von Paul Pen ist gut zu lesen, wenn man einmal Zugang gefunden hat. Seine Erzählweise ist stellenweise poetisch, weitschweifend, aber man kann ihm zu jeder Zeit gut folgen.

Fazit: ich verlasse die Kakteenwüste enttäuscht. Schade.

9. Mai 2017

Kannst du töten?

Die Gerechte
von Peter Swanson
(414 Seiten)


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Ted Severson sitzt sauer in einer Flughafenlounge. Doch nicht die Verspätung seines Fluges regt ihn auf, sondern dass seine Frau ihn mit ihrem Bauleiter betrügt. Da ist es schon eine glückliche Fügung, dass er eine geheimnisvolle Rothaarige kennenlernt. Nach ein paar Drinks gesteht er ihr, dass er davon träumt, seine untreue Frau umzubringen. Die Reaktion der Fremden: Zustimmung und das Angebot zur Hilfe. Kann das gut gehen?

"Die Gerechte" war mein erster Thriller von Peter Swanson und hatte mich bis zur Hälfte echt begeistert. Doch mit dem Fortgang der Geschichte verlor ich das Interesse, denn die Wendungen waren nur noch eine Wiederholung der allerersten und so wurde es langweilig, eintönig, konstruiert.

Die Geschichte wird kapitelweise von einer handelnden Figur erzählt. So erfährt man von Ted, wie er herausfand, dass seine Frau ihn betrügt, plant mit der geheimnisvollen Lilly den Mord an Teds Frau und lernt im weiteren Verlauf diese und den ermittelnden Cop kennen. Diese Art des Erzählens finde ich wunderbar und hat mich sehr neugierig gemacht. Dennoch konnte Peter Swanson die Spannung nicht aufrecht erhalten.

Das lag vor allem daran, dass der Autor auf die immer wieder gleiche Wendung zurückgriff. Während ich beim ersten Mal noch "WTF?" dachte, war sie beim zweiten Mal schon unspannender und nach dem dritten Mal gähnte ich nur noch. Es wurde vorherseh- und austauschbar. Die Figuren gewannen nicht mehr an Tiefe oder Charakterschwächen, sondern blieben auch mit den Veränderungen bei ihren zu Beginn eingeführten Verhaltens- und Denkweisen. So wirkte der Thriller ab der Hälfte nur noch wie ein Comic, bei dem die Figuren wie Abziehbilder in immer wieder andere Settings eingesetzt wurden. 

Daher legte ich den Thriller, der eine wirklich großartige Idee zur Grundlage hat, gut 100 Seiten vor Schluss entnervt und auch wehmütig beiseite. 

Der Stil von Peter Swanson ist gut und flüssig zu lesen. Seine Erzählweise ist direkt, bildhaft, aber nicht blutig. Er konzentriert sich auf die psychologischen Abgründe seiner Figuren. Das fand ich toll.

Fazit: gerecht bis zur Hälfte, dann nur noch gähnende Leere. Schade!

7. Mai 2017

Der Schein trügt

Engelszorn
(Chatherine-Bell-Reihe Band 3)
von Alex Thomas
(604 Seiten)


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Normalerweise beginne ich meine Rezensionen immer mit einer kleinen Zusammenfassung des Inhaltes. Einfach, damit man direkt zu Beginn schon weiß, worauf man sich einlässt. Heute mache ich mal eine Ausnahme, denn "Engelszorn" von Alex Thomas ist im Genre Thriller so richtig eingeordnet wie ich bei Germany next Topmodel.

Ich hatte das Buch auf einer Buchmesse entdeckt und mich sehr auf die Lektüre gefreut. Rom, Vatikan, Glaube und Verschwörungen stehen bei mir seit Dan Brown hoch im Kurs. Da muss es nicht immer realitätsnah zugehen, aber man muss es mir schon gut verkaufen können. Dass ich es bei "Engelszorn" aber nicht mit Verschwörungen, sondern mit Übersinnlichem, Mystischem und leider auch sehr überspitzten Technologien zu tun bekomme, hatte ich nicht geahnt. 

Und so verdrehte ich auf den ersten 100 Seiten so oft die Augen, dass mir eigentlich hätte schwindlig werden müssen. Seher, menschliche, ausgewachsene Klone und Andeutungen über Wesen aus einer anderen Dimension wurden mir da vor die Nase gehalten. Ich wollte nicht mit Engeln reden, sondern eine spannende Jagd nach der Wahrheit erleben. Das wurde nichts.

Dabei ist der Stil von Alex Thomas wirklich gut zu lesen. Und die Geschichte birgt bestimmt Potenzial zum Unterhalten und Atem anhalten. Doch nicht für mich. Denn ich habe durch die Aufmachung etwas ganz anderes erwartet und konnte mich nicht auf den Roman einlassen. Daran trägt keineswegs der Autor (hinter dem sich ein Duo verbirgt) Schuld, sondern allein Klappentext und Einordnung durch den Verlag.

Und so bleibt mir nur zu sagen: wer mit Esoterik und Übersinnlichem etwas anfangen kann, sollte mal reinlesen. Bei mir sind die Engel leider falsch.

5. Mai 2017

Dein Leben zerbricht

Du stirbst nicht allein
von Tammy Cohen
(400 Seiten)


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In London verschwindet Poppy Glover. Ihre Eltern verlieren sie während eines Getümmels außer Augen. Sofort werden Erinnerungen an Megan und Tilly wach. Auch diese Mädchen verschwanden. Und wurden wenig später tot aufgefunden. Der Mörder wurde nie gefasst. Ist Poppy sein nächstes Opfer?

"Du stirbst nicht allein" ist mein zweiter Thriller von Tammy Cohen. Während ich von "Während du stirbst" begeistert war, herrschte nach diesem Buch Katerstimmung und Enttäuschung. Schade!

Die Geschichte wird von einem auktorialen Erzähler berichtet. Dabei folgt man nicht nur der Polizei bei ihren Ermittlungen, sondern lernt mit Sally Freeland eine skrupellose Journalistin kennen und wird in die Trauer der hinterbliebenen Familien der ermordeten Mädchen hineingezogen. Diese Mischung ist normalerweise ein Garant für Spannung und Leselust, doch hier kam beides nicht auf.

Das lag zum Einen daran, dass ich zu keiner Figur einen Zugang finden konnte. Tammy Cohen beschreibt das Leben nach dem Tod der Mädchen sehr eindrücklich, jedoch für mich stereotyp und nach Schema F. Ich bekam einfach kein Gefühl für die Familien und deren Trauerarbeit. Zum Anderen greift die Autorin auf mir zu bekannte Figurendarstellungen zurück: die aufopferungsvolle, trauernde Mutter, die sich für die anderen Hinterbliebenen einsetzt, die Polizistin, die private Probleme hat und dennoch alles tut und die Journalistin, die über Leichen geht. Fürwahr, man kann keinen Thriller mehr neu erfinden, aber muss es denn immer das gleiche 08/15-Szenario sein?

Und auch die Story an sich birgt wenig neues, wenig thrillerartiges und vor allem wenig überraschendes. Zum Schluss hilft Kommissar Zufall mehr, als dem Roman gut tut. Um den Täter wird kein Hehl gemacht, was ich nicht schlimm finde, doch hier war der Einblick in seine Gedanken auch nur stereotyp. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, ich kenne die Geschichte. Sehr traurig!

Der Stil von Tammy Cohen ist gut zu lesen. Ihre Erzählweise ist detailreich, emotionsgeladen, aber nicht kitschig. 

Fazit: alleine stirbt man nicht, aber man langweilt sich zu Tode. Keine Empfehlung meinerseits!

1. Mai 2017

Wenn deine Sünden sichtbar werden

Smoke
von Dan Vyleta
(624 Seiten)



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London, in längst vergangenen Tagen: auf einem Internat für hochwohlgeborene Jugendliche begegnen sich Charlie und Thomas. Während Charlie grundehrlich und herzensgut ist, schwillt in Thomas Wut, Angst und Aggression. Und das wird auch sichtbar. Denn jeder sündige Gedanke wird als dunkler Rauch sichtbar. Doch nur das niedere Volk raucht, der Adel muss rein bleiben. Und das soll ihnen auf dem Internat beigebracht werden. Aber was ist an dem Rauch so verdorben, so schlecht, das selbst Folter erlaubt ist?

"Smoke" war mein erster Roman von Dan Vyleta und hat mich umgehauen. Der Autor spielt mit der Angst der Menschen, dass ihre sündigen Gedanken sichtbar werden und sie sich nicht mehr hinter einer Maske verstecken können. Und er entwirft eine Spirale aus Hass, Hochmut, Vermeidung und Revolution. Großartig!

Die Geschichte wird kapitelweise von einem auktorialen Erzähler und aus der Perspektive einer handelnden Person berichtet. Während der auktoriale Erzähler alles im Blick behält, haben mich vor allem die persönlichen Schilderungen in den Bann gezogen. Denn diese beschränken sich nicht nur auf den Adel. Es kommen auch einfache, stark rauchende Menschen zu Wort und zeigen so, dass der Rauch nicht DAS Übel ist, wie er gern dargestellt wird. Diese Mischung hat mir super gefallen und ich konnte nur schwer die Finger von dem Roman lassen.

Zu Beginn dachte ich, es läuft auf einen Abenteuerroman von 2 Internatsbuben hinaus. Spannend, aber doch eher einfach. Schon nach ein paar Kapiteln belehrte mich Dan Vyleta eines besseren. Der Autor offenbart, dass der Rauch in allen Menschen schlechtes hervorbringt, ob sie nun rauchen oder nicht. Denn es gibt in der Londoner Gesellschaft die Radikalen, die Frommen, die Revolutionäre und die Hungernden. Es gibt Vermeidungsstrategien, die Suche nach dem ultimativen Rauch-Kick und dann gibt es noch Thomas und Charlie. Die beiden Jugendlichen wollen dem Rauch auf den Grund gehen, wollen wissen, warum er so verteufelt wird und werden dadurch in eine Verschwörung gerissen, der sie nicht mehr entkommen.

Die Figuren sind mannigfaltig und tiefgründig. Der Autor beschränkt sich nicht auf simple Schwarz/Weiß-Malerei, sondern gibt jedem Charakter eine Geschichte, einen Beweggrund und vor allem Persönlichkeit. So konnte ich jedes Handeln nachvollziehen, auch wenn ich bei manchen am liebsten laut losgeschrien hätte ob der Ungerechtigkeit. Genau sowas muss ein Roman in mir auslösen!

"Smoke" ist kein Roman für zwischendurch, kein Buch, welches man mal eben bei einer 5-minütigen Busfahrt rausholt. Dafür hat Dan Vyleta zu groß und umfassend angelegt. Aber jede Zeit, die man sich nimmt, wird belohnt. 

Der Stil des Autors ist sehr gut und flüssig zu lesen. Seine Erzählweise ist bildhaft, stellenweise philosophisch, aber nie langweilig.

Fazit: Der Rauch enttarnt jeden. Ich kann das Buch wärmstens empfehlen.