Donnerstag, 6. April 2017

Die Vergangeheit verheilt nie

Nach dem Schmerz
von Lucas Grimm
(320 Seiten)


Eine Leseprobe findet Ihr hier

Hannah Gold ist eine gefeierte wie gefürchtete Cellistin. Sie ist ein Genie in der Musik und ein Teufel im sozialen Leben. Und sie fühlt keinen Schmerz. Nicht mehr, seit sie als Kind vor den Augen ihres Vaters von Russen gefolter wurde. Hannah hatte mit der Vergangenheit abgeschlossen. Bis ein Hinweis sie zwingt, die Vergangenheit erneut aufleben zu lassen...

"Nach dem Schmerz" ist der erste Thriller von Lucas Grimm und hat mir insgesamt gut gefallen. Der Autor verbindet geschickt die Spionage in der DDR mit der Gegenwart und zeigt, wie durchtrieben beide Staaten vor dem Fall der Mauer waren. Beängstigend!

Die Geschichte wird von einem auktorialen Erzähler berichtet. Dabei verfolgt man nicht nur Hannah Gold, die sich mit alten Feinden konfrontiert sieht, sondern begleitet auch den gescheiterten und echt unsympathischen Journalisten David Berkoff, der in Kriegsgebieten mehr Elend gesehen hat, als sein Hirn aushalten könnte. Und so muss der Leser sich nicht nur mit der DDR und ihren Machenschaften befassen, sondern erlebt hautnah mit, wie sich der Journalist das Hirn zu Brei säuft. Für mich ist dies eine gelungene Mischung und sie hat mich direkt in ihren Bann gezogen.

Denn weder Hannah noch David sind Sympathieträger. Im Gegenteil, Berkoff ist ein abgewracktes Arschloch, den ich im echten Leben mit Verachtung und Missbilligung gestraft hätte. Getrieben von der Gier nach Erfolg, nach Bewunderung und nach Geld geht er über Leichen und verspieltes Vertrauen. Hannah ist da zwar anders, dennoch keineswegs liebenswürdiger. Als gefeierte Cellistin erlaubt sie sich so gut wie jede Macke, die einem einfallen kann. Zudem sind ihr Menschen, die sie lieben, herzlich egal. Sie kennt nur eine Person: sich selbst. Und selbst diese Person würde sie zerstören, wenn es sie zum Ziel führt.  Für mich müssen Charaktere nicht liebenswert sein, um eine Geschichte toll zu finden. Hier hat es sehr gut gepasst, dass David und Hannah vom Leben gezeichnete und gebrochene Persönlichkeiten sind.

Die Story selbst ist spannend und über weite Strecken fesselnd. Lucas Grimm fordert seine Leser zum Mitdenken und Kombinieren heraus. Er schafft es, innerhalb weniger Kapitel die Geschichte der Spionage zwischen DDR und BRD anschaulich und greifbar zu erklären, ohne dabei Infodumping zu betreiben. Auch die Verwicklungen des Verfassungsschutzes hat er für mich glaubwürdig dargestellt. Lediglich im letzten Drittel verliert sich Lucas Grimm in Verfolgungsjagden, von denen ich aufgrund der Vielzahl leicht angenervt war. Ingesamt ist der Thriller aber gelungen.

Der Stil des Autors ist sehr gut und flüssig zu lesen. Seine Erzählweise ist direkt, manchmal nachdenklich, aber nicht gelangweilt. Toll!

Fazit: die DDR ist nicht so tot, wie wir dachten. Ich kann das Buch empfehlen.

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