Montag, 6. März 2017

Als die DDR den Aufstand probte

Der Tag X
von Titus Müller
(400 Seiten)


Eine Leseprobe findet Ihr hier

Frühling 1953 in der noch jungen DDR: der Uhrmacher Wolf verguckt sich in die angehende Abiturientin Nelly. Diese hat jedoch kein Interesse an dem Sohn eines Parteifunktionärs, ist sie doch rebellisch und gegen die Gleichmacherei des Regimes eingestellt. Dennoch lässt der junge Mann nichts unversucht, um Nelly zu begeistern. In Halle hingegen versucht eine alleinerziehende Mutter, sich und ihre 3 Söhne irgendwie durchzubringen. Ihr Mann hat sich in den Westen abgesetzt. Keiner ahnt, dass das Schicksal sie bald alle zusammenführen wird im Juni 1953.

"Der Tag X" ist ein Roman um den Arbeiteraufstand 1953 und hat mich komplett überzeugt. Titus Müller beweist einmal mehr, dass Geschichte nicht langweilig sein muss, sondern fühlbar und mitreißend sein kann. Der Autor befasst sich mit einer Thematik, die in meinen Augen noch viel zu kurz in der Aufarbeitung und Behandlung kommt: die junge DDR und die Folgen der sowjetischen Besatzung.

Die Geschichte wird von einem auktorialen Erzähler berichtet. Dabei erlebt man als Leser viele Perspektiven. Mal ist man aufmüpfig-rebellisch mit der jungen Nelly unterwegs, mal weiß man gemeinsam mit Lotte König nicht, wie man die 3 Jungen und sich ernähren soll und dann sitzt man in Moskau bei Beratschlagungen von Politikern und erlebt hautnah mit, wie Geschichte geschrieben wird. Diese Mischung erfordert vom Leser nicht nur Aufmerksamkeit und Konzentration, sondern auch Mitdenken, was mir sehr gut gefallen hat. Titus Müller offenbart die Zusammenhänge nicht schnöde auf einem Silbertablett, sondern zieht feine Linien zwischen Moskau, Berlin, Halle und Bonn, die der Leser verfolgen kann. So hatte ich beim Lesen mehrere AHA-Erlebnisse. Toll!

Die Figuren, die Titus Müller in seinem Roman agieren lässt, sind sowohl fiktional als auch auf realen Persönlichkeiten beruhend. Mir persönlich hat es der Soldat Heimran Kunze sehr angetan. Gefangen in einer Welt von Gehorsam und Linientreue beweist er beeindruckend, dass man dennoch sein eigenes Denken nie einstellen darf. Doch auch die die anderen Charaktere, die alle sehr ausgewogen vorgestellt werden und zu Wort kommen, überzeugten mich durch ihre Ecken und Kanten, ihre Überzeugungen und ihre Schicksale. Der Autor vermeidet es sehr gut, bei seinen Beschreibungen in Klischees über Ost und West zu verfallen. Das hat mir sehr gut gefallen.

Die Story hat mich von Seite 1 an mitgenommen und mit jedem Kapitel bin ich tiefer in den aufziehenden Aufstand eingetaucht. Titus Müller versteht es meisterhaft, das Gefühl des Aufbruchs, den Wunsch nach Veränderung und die "Wir packen das" - Einstellung der Arbeiter im Sommer 1953 zu transportieren. Ich fühlte mich zeitweise mitten in dieser Revolte gegen das Regime, wollte ebenso gegen die Ungerechtigkeit kämpfen und erschrak über die aufflammende Gewalt. Sehr zu Herzen gingen mir auch die Beschreibungen der Folter in den Stasi-Gefängnissen, auch wenn der Autor sie nicht bis ins kleinste Detail beschreibt, sondern vieles der Fantasie überlässt.

Das Ende hat mich dann zu Tränen gerührt. In wenigen Sätzen wurde mir warm ums Herz und ich spürte Hoffnung für die Charaktere, die sich gegen das gestellt haben, was sich selbst als freiheitlich demokratisch bezeichnet hat. Großartig!

Der Stil von Titus Müller ist sehr gut und flüssig zu lesen. Seine Erzählweise ist detailgetreu, mitreißend, ohne reißerisch zu sein und passend ruhig, wo die Herzen vor Aufregung eh schon schnell schlagen.

Fazit: die DDR schnupperte einen Sommer lang an der Freiheit. Ich kann den Roman nur empfehlen.

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