Montag, 13. Juni 2016

Die zerbrochene Welt eines Lehrers

Nicht von dieser Welt
von Arne Ulbricht
(290 Seiten)


Weitere Informationen findet Ihr hier

Heinz Gödel kann seinen Traum wahr machen: nach einem Umweg kann er doch noch Lehrer werden. Er freut sich sehr auf seinen ersten Tag. Dieser gerät dann schnell zu einem Fiasko: seine Kollegen stecken wie die Schüler tief in der Online-Welt, seine Mentorin ist eine herrschsüchtige Ziege und die Klasse 9a, die er in Deutsch unterrichten soll, entpuppt sich als rebellischer Haufen. Wie kann der Mittdreißiger, der Literatur liebt und diese Liebe einfach nur weitergeben will, damit fertig werden?

„Nicht von dieser Welt“ ist der erste Roman von Arne Ulbricht und lässt mich nachdenklich und geschockt zurück. Der Autor beschreibt den vermeintlich ganz normalen Schulwahnsinn aus der Sicht eines motivierten und zugleich andersartigen Lehrers, der am Verhalten seiner Schüler zu zerbrechen droht.

Die Geschichte wird dabei von Heinz Gödel selbst erzählt. Der Mittdreißiger lebt ein unauffälliges und ruhiges Leben mit seinem Cockerspaniel Franz und liebt Literatur über alles. Umso erfreuter ist es, als er endlich die Chance bekommt, Jugendlichen diese Liebe näher zu bringen. Doch schon in den ersten Tagen an der Schule zeigt sich, dass nicht viel von seinen Vorstellungen der Realität entspricht. Gödel will es zunächst nicht wahr haben, strengt sich an, schmiedet Pläne und scheitert grandios. Sein Weg gleicht immer mehr einer Abwärtsspirale und als Leser ist man hautnah dabei, scheitert mit ihm, zweifelt mit ihm und kann mehr als verstehen, woher der Hass kommt, den Heinz entwickelt.

Arne Ulbricht zieht seine Leser von Seite 1 an in die Gedankenwelt seines Lehrers. Wirklich warm geworden bin ich mit ihm nicht, dazu war mir Gödel in vielen Situationen zu altmodisch und antiquiert. Dennoch konnte ich seine Gedankengänge, seine Grübeleien und auch seine Taten nachvollziehen und verstehen. Der Autor erschafft eine Figur, die man nicht lieben muss, die man aber begleiten und beschützen will. Denn neben der Schule hat Heinz Gödel noch so manchen privaten Krieg auszufechten. Und ein Gefecht war für mich so schwer, dass mir die Tränen liefen. Insgesamt wirkt Heinz Gödel trotz seiner teilweise verstaubten Ansichten auf mich realitätsnah und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es vielen Lehrern wie ihm geht. Die Leidenschaft, die in dem Deutschlehrer brennt, wird bald ersetzt durch Resignation und gerade dieser langsame Zerfall hat mir stellenweise das Herz gebrochen.

Die Story selbst ist alltäglich, aber nicht langweilig. Der Schulalltag bietet genug Ecken und Kanten und auch privat hat der Lehrer genug Reibereien, so dass der Roman nie an Spannung verlor, obwohl er doch einfach nur einen Einblick in das normale Leben eines Mannes gibt, der so viel vor hatte und so wenig verwirklichen konnte. Was mich positiv überrascht hat, war die erzählerische Dichte, die Arne Ulbricht erschaffen hat. Er lässt seine Leser genau spüren, wie es Heinz Gödel geht, was er durchmacht und so war ich beim Lesen gefangen in einer Welt aus missgünstigen Schülern, schrecklichen Eltern und den kurzen Lichtblicken mit Franz. Grandios!

Der Stil des Autors ist gut zu lesen. Seine Erzählweise ist nicht einfach, dafür aber gespickt mit literarischen Details. Was mir aufgefallen ist: trotz der Intelligenz, die Gödel zu besitzen scheint, wirken seine Erzählungen ab und an behäbig und unbeholfen. Hier merkte ich genau, wie schwer es dem Mittdreißiger ab und an fallen muss, in der normalen Welt klar zu kommen.

Fazit: ein wichtiges, ein eindringliches Buch. Lesen!

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