24. Juli 2015

Über die widersprüchlichen Gefühle einer Geisel


(Quelle: www.cupido-books.com)
Stockholm - Syndrom
von Lenore Gregor

Eine Leseprobe findet ihr hier

Kara hat sich mit ihrem Freund Sebastian und dessen besten Kumpel Marc in ein einsames Hüttchen verzogen, damit sie alle in Ruhe an ihren Bachelor-Arbeiten schreiben können. Doch aus der Ruhe wird nichts, denn plötzlich stehen 4 Bankräuber in der Hütte, nehmen die drei als Geiseln und besetzen das Haus, bis sie die Übergabe machen können. Marek, der Anführer der Räuber, scheint dabei aber nicht unmenschlich zu ein und so kommt es, dass Kara bald sowas wie Mitleid für ihn empfindet. Darf ein Opfer das?

"Stockholm – Syndrom" war mein erster Roman von Leonore Gregor und er hat mir gut gefallen. Der Kurz-Thriller mit erotischen Einschüben bringt auf prägnante Art und Weise dem Leser das sogenannte "Stockholm – Syndrom" näher, bei dem sich das Opfer im Laufe der Zeit mit dem Täter verbündet.

Die Geschichte wird von Kara aus der Ich-Perspektive erzählt. Die junge Frau entpuppt sich schnell als Vorteil für die Geiselnehmer, immerhin ist sie leicht zu bändigen, kann kochen und ist auch sonst gefügig, da sie das Leben der Jungs schützen will. Für mich war das Verhalten auch sehr gut nachvollziehbar, da die Autorin die 4 Verbrecher gut charakterisiert, aber nicht so sehr in die Details geht, so dass der Leser genau so unsicher bleibt wie Kara. Toll!

Obwohl sich der Thriller nur in der kleinen Hütte abspielt, ist er spannend und durchaus fesselnd. Trotz seiner Kürze von circa 160 Seiten schafft Leonore Gregor es, dass ich mit Kara mitgelitten, mitgefühlt und mitgeschwankt habe. Ich konnte ihre widersprüchlichen Gefühle Marek gegenüber sehr gut nachvollziehen und für mich war der Fortgang der Geschichte, so erschreckend er auch für jemand Aussenstehenden wirkt, logisch.

Die erotischen Szenen sind zurückhaltend und für mich passend eingestreut. Es gibt kein wildes Rumgebeisse oder Orgien, das Ganze läuft realitätsnah und erschreckend gefühlvoll ab.

Einen Wermutstropfen gibt es allerdings für mich: ich hätte gern mehr über Kara und ihre Geschichte erfahren. Das Mädchen selbst deutet zwar einiges an und man erfährt vieles durch ihre Gedanken, doch viel mehr bleibt noch verborgen. Was bewegt sie, warum ist sie mit Sebastian noch zusammen, was macht Marek so anziehend? Diese Fragen werden oberflächlich beantwortet, aber hier hätte ich mir mehr Tiefe gewünscht. Dennoch tat dies meinem Lesevergnügen keinen Abbruch.

Das Finale ist dramatisch, etwas sentimental, doch alles in allem gut passend zur Geschichte. Allerdings bleiben einige Fragen offen, die ich gern beantwortet gehabt hätte. Nichtsdestotrotz hat mich das Ende zufriedengestellt.

Der Stil von Leonore Gregor ist gut und flüssig zu lesen. Ihre Erzählweise passt zu einer Studentin, sie beschreibt die Gefühle klar und je nach Situation so verwirrend, wie es in dem Kopf einer Geisel eben aussehen würde.

Fazit: ein feiner Kurz-Thriller, der mir Vergnügen bereitet hat. Eine Leseempfehlung für einen schönen Nachmittag!

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