27. April 2015

Lässt mich nachdenklicher zurück als vermutet

Der Tag, als wir begannen, die Wahrheit zu sagen
von Susan Juby

Eine Leseprobe findet ihr hier

Normandy, genannt Norm, Neil und Dusk sind dicke Freunde und besuchen die Künstlerschule irgendwo in Kanada. Und wie Künstler so sind, können sie nicht einfach nur den Unterricht besuchen, sondern brauchen Projekte. Warum nicht einfach mal Mitschüler unverfroren und direkt nach der Wahrheit fragen? Denn schließlich kann die Wahrheit befreiend sein. Oder nicht? Der Beginn des Projekts ist auch sehr vielversprechend, bis Norm sich selbst Wahrheiten stellen muss, die sie so nie hören wollte...

"Der Tag, als wir begannen, die Wahrheit zu sagen" war mein erster Jugendroman von Susan Juby und er hat mich überzeugt. Die Autorin lässt ihre Figuren mit der Wahrheit spielen, bis sie selbst erkennen müssen, dass die Wahrheit nicht nur ein schönes, sondern auch ein hässliches Gesicht hat.

Die Geschichte wird von Normandy selbst in Form eines Essays erzählt. Das Ganze ist ihr Projekt für "Kreatives Schreiben". Daher ist ihre Erzählung auch nicht geradlinig, sondern wird immer wieder von Fußnoten, Kommentaren zu ihrem Schreibprozess und ähnlichem unterbrochen. Ich fand dies erfrischend und passend für Norm. Denn von einer Schülerin der Kunstakademie erwartet ich keine schnörkellose Geschichte, sondern möchte auch in ihrem Erzählstil ihre Fantasie wiedererkennen. Und das konnte ich.

Obwohl ich die Mitschüler, die Familien und ihre Freunde nur durch Norms Augen kennenlerne, wirken die Beschreibungen recht objektiv. Die Jugendliche revidiert sogar ab und an ihre Sichtweise, grübelt über Charakterisierungen und zeigt dabei immer wieder, wie unsicher sie ist. Das hat in meinen Augen sehr gut gepasst.

Neben Normandy habe ich Neil ins Herz geschlossen, während mir Dusk fern geblieben ist. Aber ich glaube, das spiegelt auch die Gefühle der Hauptfigur wider. Denn Norm fühlt sich Neil näher als Dusk. Und dennoch spürte ich bei ihren Zusammentreffen, dass die 3 eine ganz besondere Freundschaft haben.

Die Idee zur Story, nämlich Mitschüler direkt nach der Wahrheit zu fragen, finde ich interessant und hat mich nachdenklicher gestimmt, als ich zunächst angenommen habe. Wie hätte ich reagiert, wenn jemand in meiner Schulzeit auf mich zugekommen wäre und mir eine persönliche Frage gestellt hätte? Wäre ich genau so offen wie Norms Mitschüler gewesen? Ich denke nicht. Und ich glaube, auch viele andere wären es nicht. Daher finde ich es von der Autorin sehr gut gelöst, dass die Geschichte an einer Kunstakademie stattfindet. Denn Künstler beziehungsweise angehende Kunstgenies sind, was solche Experimente angeht, doch offener und gewillt, sich auf sowas einzulassen.

Im Mitteteil geht dem Roman mal die Luft aus. Für mich war es in Ordnung, ich verspürte keine Langeweile, allerdings kann ich mir gut vorstellen, dass es grad für junge Leser zu langatmig sein kann. Die Altersempfehlung des Verlages liegt bei 12 Jahren. Ich würde das Buch eher Jugendlichen ab 14 empfehlen, denn manche Dinge erfordern schon eine gewisse Reife.

Der Stil von Susan Juby ist sehr gut und flüssig zu lesen. Ihre Erzählweise wird ab und an poetisch, nachdenklich und ausschweifend. Dennoch konnte ich mich in Norm sehr gut hineinversetzen.


Fazit: ein tolles Jugendbuch, was mich nachdenklich zurücklässt. Ich kann es empfehlen.

1 Kommentar:

  1. Hey,
    als ich das Buch das erste Mal entdeckt habe, habe ich es sofort auf meine WL geschrieben. Einige sind nicht so begeistert, aber nach deiner Rezi bin ich mir jetzt sicher, dass ich es auch einfach ausprobieren werde.
    lg. Tine :)

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