Freitag, 20. Februar 2015

Hattusa bewegt bis heute

Die Stadt der schweigenden Berge
von Carmen Lobato

Eine Leseprobe findet ihr hier

Berlin 1931: die junge Amarna studiert Altorientalik und beschäftigt sich für ihre Abschlussarbeit mit dem Gilgamesch-Epos. Doch je mehr sie in die Geschichte eintaucht, desto mehr verspürt sie den Drang etwas über das wenig erforschte Volk der Hethiter zu lernen. Ihr Vater und ihr Patenonkel sind strikt dagegen, obwohl beide auf diesem Gebiet große Errungenschaften vorzuweisen haben. Warum verweigern sie Amarna weitere Forschungen? Und was hat der schöne unbekannte Jüngling, den die junge Frau im Pergamon-Museum trifft, im Sinn?

Mit "Die Stadt der schweigenden Berge" entführt Carmen Lobato ihre Leser in die Zeit der 30er Jahre und in die aufblühende Türkei. Die Autorin beschäftigt sich dabei aber nicht nur mit den Ausgrabungen von Hattusa, sondern zeigt auch, welches Schicksal die Armenier zu Beginn des 20. Jahrhunderts aushalten mussten. Der gesamte Roman hat mir sehr gut gefallen.

Die Geschichte wird aus der Erzählerperspektive berichtet. Dabei folgt man zum Einen Amarna und ihrem Drang, ihre Vergangenheit und Hattusa zu erforschen. Zum Anderen darf man die spannende und zugleich anrührende Geschichte des alten Hattusa verfolgen, in der es um Liebe, Verbundenheit und harte Entscheidungen geht. Diese Mischung aus 2 verschiedenen Zeitebenen hat mir sehr gut gefallen, denn Carmen Lobato führt die beiden Schienen gekonnt zusammen.

Die handelnden Personen, allen voran Amarna, sind mit sehr viel Liebe zum Detail beschrieben und auch mit genügend Zeit zum Kennenlernen ausgestattet. Innerhalb des Romans schwankte meine Sympathie bei jeder Figur, so dass ich mich mit ihnen noch mehr verbunden fühlte. Denn keine Figur ist nur gut oder böse, nur tragisch oder glücklich. Jeder, auch die kleinste Randfigur, hat Ecken und Kanten, Ausraster und lichte Momente. Und auch wenn ich über einige Reaktionen von Amarna oder ihrem Verlobten Paul den Kopf geschüttelt habe, so konnte ich sie doch nachvollziehen.

Der Roman ist ruhig, unaufgeregt und mit sehr vielen wissenswerten Details gespickt. Wer hier einen rasend spannenden Archäologie-Thriller erwartet, ist falsch gewickelt. Carmen Lobato legt ihr Hauptaugenmerk nicht auf das Abenteuer, das ihre Figuren bestehen müssen, sondern auf die Erkenntnisse und Entdeckungen, die sie dabei machen. Hattusa war mir bisher gar kein Begriff, doch durch den Roman bin ich auf den Geschmack gekommen mehr darüber zu erfahren. Auch der Genozid an den Armeniern macht die Autorin zum Thema. Dieses tut sie mit sehr viel Fingerspitzengefühl, dem nötigen Feingefühl und dem richtigen Blick für Details und wo sie lieber verschwiegen werden. Ich finde es grandios, dass Lobato sich diesem leider immer wieder vergessenen Thema angenommen hat.

Und etwas ist sehr auffällig an diesem wundervollen Buch: ich merkte bei jeder Zeile, wie viel Herzblut und Recherche die Autorin in ihr Werk gelegt hat. Alle Details wirken sehr fundiert und gut rausgearbeitet, nirgendwo bleibt eine offene Lücke. So wünsche ich mir einen Roman, der sich mit dem Thema Archäologie beschäftigt.

Der Stil der Autorin ist sehr gut und flüssig zu lesen. Ihre Erzählweise ist gefühlvoll, manchmal poetisch und sie hat mich mit ihren tollen, bildhaften Vergleichen immer wieder verzaubert. Normalerweise mag ich den geradlinigen, schnörkellosen Stil, aber für Hattusa wäre dieser nicht angemessen gewesen. Carmen Lobato beweist das richtige Gespür für Sprache um ihrer Geschichte gerecht zu werden.


Fazit: ein Buch, das zum Träumen und Forschen einlädt. Ich kann es nur empfehlen.

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