22. November 2014

Was würdest du tun, wenn du nur noch begrenzt Zeit hast?

Zwischen Winter und Himmel
von Elin Bengtsson



Andreas ist 15 und krank, sterbenskrank. Er wird den Sommer nicht mehr erleben. Wie geht man damit um, wenn man als Jugendlicher weiß, dass das eigene Leben enden wird? Andreas hat für sich einen Weg gefunden. Doch mit diesem Weg ist sein älterer Bruder Martin gar nicht einverstanden. Martin kann nicht verstehen, wie man seine restliche Zeit so verbringen kann. Er verbringt seine Zeit mit seiner Gitarre, seiner sehr aufs Äußeren bedachten Freundin und damit, der Welt um ihn zu zeigen, dass sie es nicht mit ihm aufnehmen kann. Ist das der bessere Weg?

"Zwischen Winter und Himmel" ist das Debüt der Schwedin Elin Bengtsson und lässt mich nachdenklich zurück. Bücher mit todkranken Jugendlichen gibt es einige, doch bisher habe ich noch keines gelesen, in dem es mal nicht um Mut, Durchhalten und Stark sein geht, sondern ums Aufgeben, um Gleichgültigkeit und das Gefühl, dass man nichts hinterlässt. Das stimmte mich traurig, ist aber auf der anderen Seite für mich eine der realistischsten Betrachtungen dieses Themas.

Die Geschichte wird aus der Erzählerperspektive wiedergegeben, springt aber immer wieder zwischen den Figuren hin und her. So begleitet man mal Martin, mal Sara und auch Andreas. Diese Wechsel passieren so manches Mal mitten im Kapitel, so dass ich sehr konzentriert bleiben musste, um der Geschichte folgen zu können. In meinen Augen ist das von der Autorin sehr geschickt gemacht, denn so verlangt sie vom Leser seine volle Aufmerksamkeit und zwingt ihn damit, sich mit dem Thema auseinander zu setzen. Toll!

Obwohl der Roman nicht sonderlich lang ist, bringt Elin Bengtsson alle Bedenken ihrer Figuren unter und auch sehr gut rüber. Die Gedankengänge von Martin sind tiefgründig und fast philosophisch, während Andreas' Gedanken fast oberflächlich erscheinen, obwohl doch er derjenige ist, der bald stirbt. Saras Überlegungen drehen sich zumeist um sie selbst und zeigt auf für mich erschreckende Weise, wie wenig der nahende Tod andere Menschen berühren kann.

Einen Wermutstropfen hat die Geschichte allerdings:
manche Wendung hat bei mir Kopfschütteln ausgelöst und ich hatte das Gefühl, dass die Autorin hier zu viel wollte. Es ist nicht zwingend so, dass es nicht gepasst hätte, ich habe mich beim Lesen nur gefragt: "Musste das jetzt auch noch sein?"

Das Buch lässt mich auch nach seinem Ende mit so mancher Frage zurück, die ich mir nur selbst beantworten kann. Denn Bengtsson belässt es häufig bei Andeutungen, Details findet man kaum. So muss sich der Leser seine eigenen Gedanken machen und kommt unweigerlich zu der Frage, die das ganze Werk beherrscht: was würdest du tun?

Der Stil der Autorin ist gut zu lesen. Ihre Erzählweise ist für mich typisch skandinavisch: unterkühlt, distanziert und wenig Hang zu Emotionen. Bei diesem doch eigentlich sehr gefühlsreichen Thema ist dieser emotionslose Stil mal etwas neues und lässt dem Leser Raum, seine eigenen Emotionen zu zulassen.


Fazit: ein wichtiges, wenn auch nicht leichtes Jugendbuch. Dennoch kann ich es empfehlen.


Ein großes Dankeschön an lovelybooks und den Oetinger - Verlag für die Zurverfügungstellung des Buches.

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