Sonntag, 1. Juni 2014

sehr gute Handlung schlägt Antipathie gegenüber der Hauptfigur

Ich bin Tess
von Lottie Moggach

Tess und Leila sind sich nie begegnet und doch kennt Leila Tess besser als irgendjemand sonst. Das ist auch gut so, denn schließlich soll sie sich als Tess ausgeben und dazu muss sie alles wissen. Doch begreift Leila wirklich, auf was sie sich da einlässt?

"Ich bin Tess" ist das Debüt von Lottie Moggach und hat bei mir eingeschlagen wie eine Bombe. Die Geschichte ist anders, die Beweggründe der Figuren sind so kritisch zu sehen wie die Figuren selbst und die Autorin hat mich gekonnt in ein Netz aus Fragen und Grübeleien eingewebt.

Zur Geschichte möchte ich gar nicht mehr Worte verlieren, da der Reiz des Buches darin liegt, dass man als Leser vollkommen unvoreingenommen ran geht. Ich selbst musste beim Lesen schnell meine Erwartungen korrgieren, denn dieses Buch ist weder locker-leicht noch gestaltet sich die Story so, wie ich es vom Klappentext her erwartet hätte.

Erzählt wird das Ganze von Leila aus der Ich-Perspektive. Sie ist mir die gesamte Zeit über weder sympathisch geworden, noch konnte ich für sie Mitgefühl aufbringen. Ihr kalter und sehr sachlicher Erzählstil lassen solche Gefühle auch nur schwerlich aufkommen. Leila gibt wenig von sich selbst preis und so erfährt man erst sehr spät, warum sie das tut, was sie tut. Vieles verliert sich in Andeutungen, denn Leila selbst hält sich beim Erzählen an der kurzen Leine und hasst Ausschweifungen. Zudem ist sie arrogant, selbstgefällig und hält sich für allwissend. Zu sehen, wie ihr Selbstbild mit der Realität kollidiert, entlockte mir doch mal ein schadenfrohes Auflachen.

Obwohl mir die Hauptfigur unsympathisch war, hat mich genau das am Lesen gehalten. Ich wollte einfach wissen, warum Leila das alles tut, was es mit Tess und ihren Plänen auf sich hat und wie die beiden überhaupt zueinander gefunden haben. So ist es auch nicht verwunderlich, dass ich das Werk an einem Tag komplett gelesen habe.

Das Ende lässt mich baff und erschüttert zurück. Das erlebe ich selten bei einem Debüt. Dass Lottie Moggach es geschafft hat bis zum Schluss das große Geheimnis zu wahren, dafür gebührt ihr meine Anerkennung.

Fazit: ein grandioses Debüt, welches nicht zur lockeren Unterhaltung geeignet ist. Wer gern mal nachdenklich beim Lesen ist, kann ohne Bedenken zugreifen.

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