Donnerstag, 23. März 2017

Das Spiel mit der Psyche

Seelenfeindin
von Sabine Trinkaus
(336 Seiten)


Eine Leseprobe findet Ihr hier

Dr. Nadja Schönberg ist nach einer Auszeit wieder in ihrem Job als Psychiaterin tätig. Da wendet sich die bekannte Journalistin Konstanze Friedrichs an sie. Konstanze leidet nach eigener Aussage an Verfolgungswahn. Doch Dr. Schönberg kann nichts feststellen. Je länger die Therapie dauert, desto mehr verschwimmen die Grenzen. Was ist Wahrheit? Was ist Wahn?

"Seelenfeindin" war mein erster Thriller von Sabine Trinkaus und ich fand ihn sehr gut. Die Autorin nimmt ihre Leser mit in eine psychiatrische Klinik und spielt mit den Sichtweisen von behandelnder Ärztin, Patientin und Umfeld. Das hat mir super gefallen.

Die Geschichte wird von Nadja Schönberg selbst erzählt. Die Psychiaterin war selbst zu einer Zwangspause verdonnert worden und steigt nun mit einem spektakulären Fall wieder ins Berufsleben ein. Ihre Patientin Konstanze Friedrichs ist fest davon überzeugt, dass sie krank ist. Nur kann die Therapeutin zunächst nichts finden, was diese These untermauert. Doch Nadja lässt sich nicht entmutigen und verbeißt sich in die Therapie. So sehr, dass sie selbst nicht mehr merkt, was wirklich ist und was der Fantasie ihrer Patientin entspringt. Neben Nadjas Beschreibungen erfährt man durch kleine Episoden, die kapitelweise auftreten, wie es im Inneren einer Person aussieht, die sich für psychisch krank hält. Diese Mischung hat mich in ihren Bann geschlagen.

Dabei sind Nadja Schönberg, Konstanze Friedrichs und die anderen agierenden Personen beileibe keine Sympathieträger. Zwar konnte ich die einzelnen Standpunkte nachvollziehen, doch ans Herz gewachsen ist mir keine. Das ist bei diesem Thriller überhaupt nicht dramatisch, im Gegenteil. Alle Charaktere bergen soviel Potenzial für Zweifel und kritische Nachfragen, dass ich aus dem Misstrauen gar nicht mehr rauskam. Gerade als ich dachte, dass ich nun weiß, wer wie mit wem zusammenhängt, gibt es wieder eine neue Erkenntnis. Oder eben auch nicht, denn was ist schon wahr und was ist Wahn?

Die Story an sich geht ruhig und unaufgeregt von statten. Das passt sehr gut zur Therapie in einer psychiatrischen Klinik. Durch die Wechsel zwischen Sitzungen mit der Patientin und Nadjas Privatleben konnte ich mich das Vorgehen der Therapeutin nachvollziehen. Mit jedem Kapitel versank ich mehr in der Welt aus Paranoia, sachlichen Argumenten und durcheinander gewürfelten Emotionen. Großartig!

Das Finale ist konsequent herbeigeführt und passt perfekt zum gesamten Werk. Zwar hat es mich nicht durchgängig überrascht, aber dennoch hatte ich einen OHA-Moment. Klasse!

Der Stil von Sabine Trinkaus ist sehr gut und flüssig zu lesen. Ihre Erzählweise ist nüchtern, distanziert, aber dennoch mitreißend. Sehr toll!

Fazit: Willkommen in der Therapie. Nimm Platz. Eine klare Leseempfehlung.

Freitag, 17. März 2017

Die Zukunft ist NOW

NOW
von Stephan R. Meier
(431 Seiten)


Eine Leseprobe findet Ihr hier

Die USA in nicht allzu ferner Zukunft: die Menschheit hat sich fast selbst zerstört. Durch Kriege, Umweltverschmutzung und Hass hat sie sich an den Rand der Vernichtung manövriert. Doch auf einem kleinen Landstrich, genannt Eden, leben die verbliebenen Menschen in Frieden und Ruhe. Möglich macht dies die künstliche Intelligenz NOW, die das gesamte Leben beherrscht. Doch wie gut ist, sich vollkommen einer Technik zu ergeben?

"NOW" von Stephan R. Meier hat mich aufgrund seiner Thematik und seines Klappentextes neugierig gemacht. Eine Zukunft ohne Regierungen, dafür aber mit einem allwissenden Computerwesen. Das versprach Spannung. Doch leider wurde dieses Versprechen nicht eingehalten.

Die Geschichte wird von einem auktorialen Erzähler berichtet. Dabei vollzieht man kapitelweise Zeit- und Figurensprünge. So erlebt man nicht nur die aktuelle Gesellschaft mit NOW, sondern ist auch hautnah bei der Entstehung der künstlichen Intelligenz dabei. Diese Mischung fand ich gut, auch wenn ich mir weniger hektische Zeitsprünge gewünscht hätte. Dennoch ist die Idee, auf zwei Zeitebenen die Geschehnisse in der Welt zu schildern, hervorragend.

Leider kam bei der gesamten Lektüre keine Spannung auf. Die Figuren, die der Autor erschaffen hat, blieben mir fremd und unnahbar. Weder zu Spark, der quasi ein Prinz in Eden ist, noch zu den Menschen außerhalb von NOW konnte ich eine Beziehung aufbauen. Sie blieben blass, flach und für mich ohne Belang. Stephan R. Meier legte sein Hauptaugenmerk auf die technischen Entwicklungen, die in seinem Roman stattfanden. Das mag anziehend sein, für mich war die Aneinanderreihung irgendwann langweilig und sinnfrei. Denn ohne Sympathieträger interessiert mich auch die Entwicklung der besten künstlichen Intelligenz nicht.

Und so kam es, dass ich das Buch nach der Hälfte zur Seite legte. Ja, es gab durchaus mitreißende Momente. Diese verflogen aber so schnell, dass ich alsbald das Interesse an dem gesamten Werk verloren habe. Ich hätte mir mehr Menschlichkeit und weniger Technik gewünscht.

Der Stil von Stephan R. Meier ist gut und flüssig zu lesen. Seine Erzählweise wird akademisch, überfordert den Leser aber nicht. 

Fazit: Meine Zukunft muss ohne NOW auskommen. Schade.

Mittwoch, 15. März 2017

Recherche ist wie Lego - Ein Abend mit Titus Müller



Begeistert habe ich das neuste Werk von Titus Müller gelesen. Mit Der Tag X nimmt der Autor seine Leser mit zum Arbeiteraufstand 1953 in der DDR. Und nun kam Titus in die Stadt, in der der Aufstand Massen bewegte.

In der wunderbar gemütlichen Buchhandlung Uslar & Rai gab sich der in Leipzig geborene Autor die Ehre. Schon vor dem offiziellen Beginn konnte man Titus Müller in lockerer Runde mit der Moderatorin Shelly Kupferberg beobachten. Die beiden klärten noch letzte Details über den Ablauf, bevor es dann wirklich los ging.


Schon beim Einstieg wurde klar, dass sich hier einer der großen des Genres die Ehre gibt. Shelly Kupferberg gab einen kurzen Abriss über Titus' Laufbahn, seine Werke und seine Erfolge. Der Autor lächelte spitzbübisch und gab bereitwillig und sehr locker Auskunft über seine ersten Gehversuche. 

Als der Schwenk zu seinem aktuellen Buch kam, merkte ich deutlich, wie tief Titus Müller in der Materie rund um den 17. Juni steckt. Ohne Notizen, Spickzettel oder Karten erzählte er anschaulich von seinen Recherchen, seinen Entdeckungen und wie weit er für sie ging. So "schlich" er sich in die Archive ein, in dem er einfach nur angab, ein Buch über den Aufstand schreiben zu wollen. Dass die Archivare fälschlicherweise von einem Sachbuch ausgingen, dafür kann Titus ja nichts ;)


Titus spricht über seine Recherchen


Mit einem Glänzen in den Augen schilderte Titus Müller lebhaft, dass Recherche für ihn wie Spielen mit Legosteinen ist. Er will aus den Vollen schöpfen, alles tun können. Zu wenig Steine würden ihm nur eine starre Geschichte vorgeben. Dazu passt auch, dass ein Lektor ihn regelmäßig mit "Hör auf zu recherchieren und schreib endlich" an seine eigentliche Berufung erinnern muss.

Als Titus zu lesen begann, wurde es gespannt still in der Buchhandlung. So mancher Autor ist zwar zum Schreiben, aber nicht zum Lesen geboren. Bei Titus hingegen wünsche ich mir, dass er seine Bücher selbst für seine Hörbücher einliest. Mit seiner warmen, sympathischen Stimme hauchte er seinen Figuren Leben ein. Und dabei wirkte er sehr natürlich und positiv routiniert. 


Nach der Lesung gab es noch eine kleine Dia-Show, die den Verlauf des Aufstandes aufzeigte. Auch hier konnte der Autor mit Hintergrundwissen beeindrucken und machte so für mich Geschichte erlebbar.

Der Abend war rundum gelungen. Ich hätte sowohl Titus Müller als auch Shelly Kupferberg noch Stunden zuhören können und sage voller Begeisterung DANKE für den schönen Abend!

Montag, 13. März 2017

In Auschwitz gab es keine Kalender

Der letzte Überlebende
von Sam Pivnik
(304 Seiten)

Mehr Informationen findet Ihr hier

Holocaust, Shoah, das Grauen hat viele Namen. Der systematische Völkermord im 3. Reich zeigt, wohin Hass, Ausgrenzung und der verblendete Glaube an Überlegenheit führt. Doch wie soll man den millionenfachen Tod greifbar machen? Wie meiner Generation, deren Großeltern meist noch Kinder im Krieg waren, verständlich machen, was damals unbegreifbares passiert ist? Die Antwort klingt einfach: durch Zeitzeugen. Aber viele Zeugen sind schon verstummt....

Umso wichtiger ist die Biographie "Der letzte Überlebende" von Sam Pivnik. Der Überlebende erzählt darin, wie die deutsche Armee in Polen eingefallen ist, ihn und seine Familie nach Auschwitz deportiert haben und wie er nicht nur einen sondern zwei Kriege überlebt hat.

Der Autor beginnt seine Geschichte vor dem Krieg. Er berichtet über seine Kindheit in Polen, den beginnenden Antisemitismus, aber auch von den Freuden der Freundschaft unter Kindern. Von Beginn an fühlte ich mich Sam Pivnik verbunden. Er schildert sein Leben ohne blumige Vergleiche, steht zu seinen Erinnerungslücken und weist ohne Scham darauf hin, wenn er etwas nicht mehr im Kopf hat, was laut belegbarer Ereignisse passiert ist. Diese Menschlichkeit hat mich von Beginn an fasziniert und ich hatte das Gefühl, dass er neben mir sitzt und mir sein Leben direkt erzählt.

Die Grauen, die Sam Pivnik erlebt hat, sind nicht greifbar und vor allem nicht nachvollziehbar. Ich empfinde großen Respekt, dass er für dieses Werk den Weg von seiner Heimat nach Auschwitz bis zum Untergang der Cap Arcona nochmal gegangen ist. Es muss viel Kraft gekostet haben. Und sein Bericht ist dabei weder erfüllt von Rachegedanken noch von überzogenen Anschuldigungen. Sam Pivnik zeigt mit einfachen und doch berührenden Worten auf, wie es war, als Untermensch zu gelten, jeden Tag um sein Leben zu fürchten und zu wissen, dass ein einziger Fehler den Tod bedeutete.

Das Buch wartet mit einer ruhigen Atmosphäre auf. Das Grauen im Lager wird vom Autor schonungslos, aber nicht übertrieben, dargelegt. Beim Lesen selbst merkte ich gar nicht, wie sehr es mich beschäftigte. Das kam erst in der Nacht. Ich schlief unruhig und träumte von verschiedenen Szenen aus dem Buch. So nah geht mir selten ein Werk.

Und so kann ich jedem die Lektüre nur ans Herz legen. Es ist kein einfaches Buch, es ist kein Spaziergang, aber das ist bei dem Leben, das Sam Pivnik hinter sich hat, auch nicht verwunderlich. Er ist einer der wenigen Zeugen, die noch leben. Und wir sollten ihm alle zuhören!