22. Juni 2017

Lasst das Spiel beginnen!

Caraval
(Caraval-Reihe Band 1)
von Stephanie Garber
(400 Seiten)


Eine Leseprobe findet Ihr hier

Scarlett und ihre jüngere Schwester Donatella leiden unter ihrem gewalttätigen Vater, dem Herrscher der besetzten Inseln. Die Ältere sucht ihr Seelenheil in einer Ehe mit einem Unbekannten, die Jüngere will einfach nur fliehen. Beides scheint nicht der beste Weg zu sein, bis Scarlett die Einladung nach  Caraval erhält. In dieser Welt ist alles ein Spiel und die Schwestern können mitspielen. Ist das der Weg in die Freiheit?

"Caraval" ist der Auftakt einer Diologie von Stephanie Garber und hat mir gut gefallen. Die Autorin entführt in ihrem Debüt die Leser in das bunte, magische Spiel Caraval und zeigt dabei, dass nichts auf der Welt umsonst ist und in jedem Sonnenstrahl auch Schatten steckt.

Die Geschichte wird von einem auktorialen Erzähler berichtet. Dabei folgt man Scarlett und ihrer  Flucht vor ihrem Vater. Die ältere Schwester fühlt sich, seitdem ihre Mutter die Familie verlassen hat, für Donatella verantwortlich und würde alles tun, um sie zu beschützen. Und das muss sie auch. Denn auf dem Weg nach Caraval, den Scarlett nur widerstrebend auf sich nimmt, wird ihre geliebte kleine Schwester entführt und Scarlett bleibt nichts anderes übrig, als sich auf das Spiel und dessen Magie einzulassen. Unterstützt wird sie dabei vom Seemann Julian, der erfrischernderweise keinerlei tiefe Gefühle für die Mädels zeigt, dafür aber dem Sieg des Spiels hinterhereilt. Diese Mischung aus Jagd, Rätseln und der Entfaltung der eigenen Stärken hat mir sehr gut gefallen.

Ich war sehr froh, dass sich Stephanie Garber nicht auf das Klischee "Mädchen liebt Jungen und verliebt sich dann in den Bad Boy" eingelassen hat. Zwar macht die Autorin so manche Andeutung in diese Richtung, das bestimmende Thema bleibt jedoch die Rettung Donatellas. Das fand ich erfrischend anders und spannend. Zwar hätte ich Scarlett und ihre Ansichten so manches Mal schütteln wollen, aber das bleibt bei Jugendbüchern nie aus. Im Großen und Ganzen habe ich sehr gern mit ihr gerätselt, Geheimnisse offenbart und gekämpft.

Die Story selbst verzaubert von Seite 1 an. Während man im ersten Drittel aus den Fängen des brutalen Vaters flieht, wird der Rest des Romans von Caraval bestimmt. Und obwohl ich manchmal genau so viele Fragezeichen wie Scarlett über dem Kopf hatte, verlor ich mich gern in der Geschichte und ihren Wundern. Stephanie Garber geht allerdings nicht zimperlich mit ihren Figuren um, was mich so manches Mal überrascht hat.

Der Schluss passt sehr gut zum Roman, auch wenn es mir an manchen Stellen zu glatt und schnell ging. Das Finale bietet genug Potenzial und offene Fragen für die Fortsetzung, auf die ich mich schon jetzt freue.

Der Stil der Autorin ist sehr gut und flüssig zu lesen. Ihre Erzählweise ist direkt, bildreich und zieht einen sofort in den Bann.

Fazit: lass dich verzaubern und entführen, komm aber rechtzeitig zurück. Ich kann das Buch empfehlen.

12. Juni 2017

Was ist das Leben mehr als das Warten auf den Tod?

(Quelle: neobooks)

Fünf Minuten - Ein Tagebuch
von Ian Cushing
(ca. 56 Seiten)



Eine Leseprobe findet Ihr hier

Was ist das Leben? Welchen tieferen Sinn hat es? Diese Fragen stellt sich der Verfasser eines Tagesbuch und stößt damit die Tür auf in eine Welt, die sich nicht auf Träume und Wünsche aufbaut, sondern auf der Erkenntnis, dass das Leben nichts weiter ist, als das Warten auf den Tod.

"Fünf Minuten - Ein Tagebuch" ist das Debüt von Ian Cushing und hat mich positiv überrascht. Die Kurzgeschichte wartet mit einem nüchternen Blick auf die Welt und das eigene Sein auf und zeigt dabei schonungslos, was im Inneren eines Mannes vorgeht, der erkennt, dass das Leben keinen tieferen Sinn hat.

Die Geschichte wird in Tagebuchform von einem Mann Mitte Vierzig erzählt. Dabei weiß man weder, wie der Verfasser heißt, noch wo er lebt oder was er genau beruflich macht. Ian Cushing wirft seine Leser einfach mitten ins Geschehen und lässt sie mit einem Mann und seinen dunklen, beängstigenden und doch wo wahren Gedanken allein. Diese Erzählweise hat es mir sofort angetan und fand mich sehr schnell zurecht.

Für mich war es erschreckend, wie genau der Tagebuchverfasser seine düsteren Gedankengänge in Worte fassen kann, ohne sich dabei zu sehr in philosophischen Ansichten zu verlieren. Der Schreiber erklärt in bildreicher, manchmal aber auch nüchterner Sprache, warum er das Leben nicht als Rockkonzert ansieht, sondern eher als einen Kampf gegen die Bedeutungslosigkeit. Und mit dieser Einstellung traf er genau meine eigene Weltanschauung. Doch im Gegensatz zu mir geht der Mittvierziger seinen Weg bis zur letzten für ihn möglichen Konsequenz und schreckt auch vor Mord nicht zurück. 

Ian Cushing greift die Philosophie des Existenzialismus auf, beschreibt diese und fordert seine Leser auf, das Leben aus genau dieser Perspektive zu betrachten. Wer bisher dachte, dass das Leben einen bestimmten Sinn hat, sollte sich darauf einstellen, mit einer sehr viel nüchternen Sichtweise Bekanntschaft zu machen. Mich hat diese Kurzgeschichte beeindruckt und ich hätte gern den ein oder anderen Aspekt genauer ausgeführt gesehen.

Der Stil des Autors ist sehr gut und flüssig zu lesen. Seine Erzählweise ist nüchtern, auf den Punkt und emotionslos. Das passte perfekt zum Thema.

Fazit: schenkt diesem Buch mehr als 5 Minuten. Es lohnt sich. 

10. Juni 2017

Die Höhle gibt, die Höhle nimmt

Die Gewalt der Dunkelheit
(Mark-Novak-Reihe Band 1)
von Michael Koryta
(544 Seiten)


Eine Leseprobe findet Ihr hier

Mark Novak arbeitet als Ermittler für Innocence Incorparted. Die Organisation vertritt unschuldig zum Tode Verurteilte. Doch seit dem gewaltsamen Tod seiner Frau kennt Mark nur noch ein Ziel: den Mörder zu finden. Sein Chef findet diesen Rachefeldzug alles andere als okay und schickt seinen Ermittler ins kalte Garrison, Indiana. Dort ist vor 10 Jahren ein junges Mädchen in einer Höhle getötet worden. Der Täter läuft frei herum....noch!

"Die Gewalt der Dunkelheit" ist der Auftakt einer neuen Reihe von Michael Koryta und hat mich nur teilweise überzeugen können. Während ich das Debüt "Die mir den Tod wünschen" großartig fand, kommt der Autor bei seinem neusten Werk zu sehr ins Schwafeln.

Die Geschichte wird von einem auktorialen Erzähler berichtet. Dabei folgt man zum Großteil dem Ermittler Mark Novak, der sich mit seiner neuen Aufgabe so wohlfühlt wie eine Priester im Puff. Denn in Garrison gibt es streng genommen keinen Fall für ihn: der Mörder des Mädchens Sarah Martin ist weder gefasst noch verurteilt. Der einzige Tatverdächtige Ridley Barnes hat die Organisation Innocence Incorparted um Hilfe gerufen, denn er will endlich wissen, wer Schuld am Tod von Sarah hat, auch wenn ihn das unter Umständen selbst in den Knast bringt. Novak muss schnell feststellen, dass man in Garrison den Tod von Sarah auch nach 10 Jahren noch nicht verarbeitet hat, man jedoch auf Fragensteller höchst allergisch reagiert. Das weckt den Ehrgeiz des Ermittlers und so war ich mittendrin in einer Stadt voller Lügen, Schweigen und einer riesigen Höhle, die mehr Geheimnisse birgt als offenbart.

Der Beginn hat mich auch direkt mitgerissen. Michael Koryta wirft seine Leser einfach ins kalte Wasser und offenbart Seite für Seite die Zusammenhänge. Das hat mir sehr gut gefallen. Mark Novak ist ein herzensguter Mann, der für seinen Job alles tun würde. Allerdings verbirgt er sein gutes Herz unter einer harten Schale aus Arroganz und Arschlochtum. Mich persönlich hat diese Kombination, obwohl sie schon oft verwendet wurde, überzeugt, denn Novak wirkt authentisch und ehrlich. 

Ab der Hälfte des Buches gerät die Spannung leider ins Hintertreffen. Der Ermittler ist mit vielen kleinen Problemen beschäftigt, tritt auf der Stelle, geht 2 Schritte vor und einen zurück. Es passiert nicht viel und auch die Beschreibungen der Höhle, so beängstigend sie auch waren, trugen nicht viel zur Spannung bei. So habe ich mir beim Lesen Kürzungen gewünscht und habe auch Seiten übersprungen, weil einfach nichts geschah. 

Erst das Ende konnte mich wieder begeistern, denn die Zusammenhänge wurden perfekt und anschaulich dargelegt, ohne, dass es zu einem hollywoodartigen Knall kam. Toll! Zudem lässt Michael Koryta genug Raum für eine spannende Forsetzung und einen neuen Fall.

Der Stil des Autors ist sehr gut und flüssig zu lesen. Seine Erzählweise ist stellenweise detailverliebt, aber immer auf den Punkt und anschaulich.

Fazit: ein Buch, bei dem man teilweise einen langen Atem braucht. Ich kann es eingeschränkt empfehlen, freue mich aber auf den nächsten Fall.

1. Juni 2017

Du bist tot...eigentlich

Hölle auf Erden
von Steve Mosby
(424 Seiten)


Eine Leseprobe findet Ihr hier

Eine Frau taucht völlig geschunden in einer belebten Fußgängerzone auf. Ihr Gesicht ist von Narben übersät. Sie weiß nur eins: sie ist Charlie Matheson. Problem an der Sache ist nur: Charlie Matheson ist vor 2 Jahren tödlich verunglückt. Während Detective Nelson mit der rätselhaften Frau spricht, erhält Detective Groves unsägliche Nachrichten zum Tode seines kleinen Sohnes. Wer ihm diese schickt, weiß er nicht, aber das Grauen kommt immer näher...

"Hölle auf Erden" war mein dritter Thriller von Steve Mosby und konnte mich leider nicht überzeugen. Sein Debüt "50/50 Killer" habe ich geliebt, "Tote Stimmen" hingegen fand ich langweilig. Und auch das neuste Werk war eine Gratwanderung zwischen toller Story und kaugummiartigem Erzählstil.

Die Geschichte wird abwechselnd von Nelson in der Ich-Perspektive und einem auktorialen Erzähler berichtet. Schon zu Beginn des Thrillers spart Steve Mosby nicht mit grausamen Taten und lässt den Leser direkt spüren, wohin die Reise gehen wird. Das fand ich großartig. Auch die Ermittlungen, die die beiden Detectives anstellen, versprechen sehr viele Wendungen, Hindernisse und Sackgassen. Nelson ist bewandert in Psychologie und so konnte ich die Befragung der unbekannten Frau aus einem psychologischen Blickwinkel verfolgen. Toll!

So spannend die Story auch angelegt ist und so sehr ich auch wollte, eines hinderte mich ab der Hälfte am Weiterlesen: die Erzählweise Steve Mosbys. Dachte ich zu Beginn, er lässt es halt erzählerisch ruhig angehen, merkte ich schnell, dass er sprachlich nicht mit dem Tempo seines Thrillers mithalten konnte. Sowohl der auktoriale Erzähler als auch Detective Nelson hätten mir genauso gut über den berühmten Sack Reis berichten können, es wäre nicht weniger spannender gewesen. 

Und so konnte mich nicht mal mehr die wirklich sehr gut angelegte Story bei Laune halten.

Fazit: die Hölle auf Erden starb in einem Sog aus Langatmigkeit. Schade!